Warum sind Pokémon-Karten 2026 so teuer?
Das Pokémon-Franchise ist heute so beliebt und so groß wie noch nie. Trotzdem schauen viele Sammlerinnen und Sammler derzeit zwiespältig auf das Sammelkartenspiel. Auch hier gehen die Beliebtheitswerte von Produkten sowie Einzelkarten zwar absolut durch die Decke – aber genau das hat auch einen negativen Effekt: Obwohl die Pokémon Company schon eine ganze Weile an der eigenen maximalen Kapazitätsgrenze arbeitet und so viele Karten wie nie zuvor in kürzester Zeit produziert, sind die Verkaufsregale sowohl physisch als auch virtuell häufig leergefegt.
Das führt dazu, dass Produkte gerade online kaum noch zur berühmt-berüchtigten UVP zu finden sind. Und wenn doch – beispielsweise beim deutschen Ableger des Pokémon Centers, dem offiziellen Online-Shop der Pokémon Company – ist der Ansturm so groß, dass eine virtuelle Warteschlange, die eine teils Stunden andauernde Wartezeit bedeutet, notwendig erscheint, um die Seite vor dem Absturz zu schützen. Bei den physischen Läden der großen Einzelhandelsketten sind ähnliche Bilder in der realen Welt zu beobachten. Nachrichten über frisch aufgefüllte Regale verbreiten sich wie ein Lauffeuer und gerade an Release-Tagen von neuen Sets scheint das Campieren vor den Läden zur neuen Normalität zu gehören.
Aber warum ist das eigentlich so? Was hat dazu geführt, dass die Beliebtheit des Pokémon TCG so stark angestiegen ist? Und: Werden Pokémon-Karten irgendwann wieder günstiger oder eher noch teurer? Wir haben versucht, all diesen Fragen nachzugehen und präsentieren euch im nachfolgenden unsere kleine Chronologie an Ergebnissen.
Inhaltsverzeichnis
- Evolving Skies: Der Prototyp der modernen Chase-Karte
- Es waren einmal 151 Pokémon …
- Die weitreichende Wirkung von Pokémon TCG Pocket
- Stürmische Funken als perfekter Katalysator
- Der endgültige Dammbruch mit Prismatische Entwicklungen
- Ewige Rivalen: Der nächste Nostalgie-Trip
- Das Ausmaß ist bis heute zu spüren
- Und was bringt die Zukunft?
Einige Zeit vor dem aktuellen Boom gab es inmitten der Corona-Hochphase einen ersten aufkeimenden Hype um das Pokémon-Sammelkartenspiel. Die Leute mussten Zuhause bleiben und hatten viel Zeit, um verlorengegangene Hobbies wieder für sich zu entdecken – TCGs waren hier im Allgemeinen ein gern genommenes Mittel. Dieser erste Hype gipfelte im August 2021 im Release der Erweiterung Drachenwandel (engl. Evolving Skies).
Das Set beinhaltet einige alternative Artworks (auch „Alt Arts“ genannt) unter anderem von Rayquaza, Dragoran sowie den beliebten Evoli-Entwicklungen, sodass es sich rasant zu den beliebtesten Erweiterungen seiner Zeit entwickelte. Insbesondere eine Karte sticht dabei bis heute besonders hervor: Das alternative Artwork von Nachtara ist als berühmt-berüchtigtes „Moonbreon“ (eine Verbindung aus dem im Hintergrund des Artworks zu sehenden Mondes und dem englischen Namen des Pokémon „Umbreon“) in die Geschichte eingegangen als die eine Chase-Karte, die wirklich jeder in seiner oder ihrer Sammlung haben möchte.
Die Preise für ein Display legten vergleichsweise rasant zu. So waren erst 200, dann 300 Euro für eine 36 Booster umfassende Box schnell erreicht. Heute befindet sich die Erweiterung noch einmal in ganz anderen preislichen Sphären, aber zu einer Zeit, in der Displays selten mehr als 130 Euro kosteten, war das bereits eine bemerkenswerte Entwicklung. Zwar kann man Drachenwandel deshalb noch nicht als den Auslöser für den aktuellen Preisanstieg verantwortlich machen, allerdings etablierte es ein wichtiges, heute immer wiederkehrendes Muster:
Beliebtes Pokémon + extrem begehrte alternative Illustration + geringe Pull-Rate = enorme Nachfrage (vor allem nach versiegelten Produkten).
Im September 2023 erschien dann der nächste wichtige Meilenstein für die heutige Situation. Als Teil der vergangenen Karmesin- und Purpur-Phase wurde mit „151“ ein Set veröffentlicht, dessen Name definitiv Programm ist. Mit allen Pokémon der ersten Generation wurden vor allem die Personen angesprochen, die quasi zusammen mit dem Franchise aufgewachsen sind – mit großem Erfolg.
Die Erweiterung verkaufte sich blendend und brachte viele ehemalige Sammlerinnen und Sammler zurück ins Hobby. Aber: Die Produkte des Sets waren auch noch einige Zeit nach Release zu verhältnismäßig annehmbaren Preisen erhältlich. Allem Anschein nach wurde die starke Nachfrage von der Pokémon Company gut vorhergesehen und produzierte in sehr großen Mengen. So kann „151“ insgesamt als das Set angesehen werden, dass die Sammlerbasis weiter vergrößerte – doch der eigentliche Preisschub kam erst etwas später.
Der 30. Oktober 2024 könnte schließlich als der Tag angesehen werden, an dem sich so einiges änderte. Merkwürdigerweise erschien zu dieser Zeit jedoch keine neue Erweiterung für das TCG, sondern ein Videospiel. Mit Pokémon-Sammelkartenspiel-Pocket wurde ein Feuer entfacht, das scheinbar nicht mehr aufzuhalten ist. Innerhalb kürzester Zeit wurde die kostenlos für Smartphones erhältliche App millionenfach heruntergeladen. Bereits im Februar 2025, also kaum mehr als drei Monate nach Release, waren es über 100 Millionen Downloads.
Dass die Spielerinnen und Spieler der App letztlich auch Lust auf das „richtige“ Sammelkartenspiel bekommen haben, lässt sich gut an diversen Beispielen festmachen. Schaut man sich die Google-Suchen nach „pokemon cards“ zu dieser Zeit an, spricht das bereits eine eindeutige Sprache. Schon im November 2024 lag die Anzahl der Suchen rund 63 Prozent über dem September-Niveau. Im Dezember waren es schon 109 Prozent und Ende Februar 2025 schließlich 180 Prozent.
Gleichzeitig begannen ebenfalls ab Oktober 2024 die Preise sowohl für Pokémon-Einzelkarten als auch etwaige Produkte wie Displays und ETBs auf breiter Front anzuziehen. Es sollte zwar betont werden, dass sich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen lässt, dass aus der beschriebenen Korrelation auch eine handfeste Kausalität folgt. Es ergibt sich aber eine plausible Erklärung: Pokémon TCG Pocket hat Millionen Spielerinnen und Spieler wieder mit dem Sammeln von Karten vertraut gemacht – und ein gewisser Teil davon wagte dann den nächsten Schritt zu den echten Karten.
Inmitten des aufkeimenden Interesses rund um die TCG-Smartphone-App erschien im November 2024 mit Stürmische Funken (engl. Surging Sparks) eine Erweiterung für das „richtige“ Sammelkartenspiel, die sich schnell nur um eine spezielle Karte drehte: Das Set beinhaltet die erste Special Illustration Rare von Pikachu in der Karmesin- und Purpur-Ära. Ein ähnliches Phänomen war bereits einige Jahre zuvor bei Farbenschock (engl. Vivid Voltage) zu beobachten, bei dem sich der Fokus ebenfalls vollständig auf eine Pikachu-Karte (die Rainbow-Variante von Pikachu VMAX) richtete.
Die nun neue Pikachu-Karte erzielte bereits bei ihrer Markteinführung wahnsinnig hohe Preise. So legte die SIR bei Preisen von weit über 400 Euro los und hielt dies über eine lange Zeit. Die Karte gilt damit als die bei Release teuerste Karte mindestens seit dem „Moonbreon“. Die Gründe für den hohen Preis sind dabei recht vielfältig. Pikachu ist zunächst das wohl jedem bekannte Maskottchen des Pokémon-Franchise (und daher besonders beliebt), die Karte bot zudem eine besondere Illustration und war gleichzeitig aber besonders schwierig aus einer Booster-Packung zu erhalten. Darüber hinaus war und ist die Karte ziemlich spielstark, sodass nicht nur Sammlerinnen und Sammler, sondern auch Spielerinnen und Spieler ein starkes Interesse daran haben.
Angekommen im Jahr 2025, erwartete uns am 17. Januar mit Prismatische Entwicklungen (engl. Prismatic Evolutions) ein neues Set, das sich vollständig auf Evoli und seine diversen Entwicklungen konzentrierte. In der Community wurden Erinnerungen wach an die einstigen Drachenwandel-Zeiten, sodass die Erweiterung mit bis dahin unvorstellbarer Vorfreude erwartet wurde. Neben zahlreichen anderen Special Illustration Rares stach hier mal wieder eine Nachtara-Karte besonders heraus: Die „Sunbreon“ getaufte Karte mauserte sich erwartungsgemäß zum Publikumsliebling. Weil aber auch die anderen SIRs nicht viel weniger beliebt waren, legte die Nachfrage nach den Produkten des Sets noch einmal ein gutes Stück zu.
Spätestens mit Prismatische Entwicklungen wurde eine Sache sehr deutlich: Die Nachfrage nach Produkten des Pokémon TCGs war inzwischen so groß, dass das Angebot nicht mehr mithalten konnte – nicht einmal im Ansatz. Es begann die Zeit, in der immer mehr Händler berichten mussten, dass sie nur einen Bruchteil der eigentlich bestellten Mengen erhalten würden. Das führte zu steigenden Preisen schon vor dem eigentlichen Release des Sets. Eine TTB, die normalerweise zwischen 50 und 60 Euro kostet, wurde auf dem Sekundärmarkt zu dreistelligen Vorbestellpreisen gehandelt.
Es etablierte sich ein nicht mehr aufzuhaltender Teufelskreis: Die hohe Nachfrage führt zu einer geringen Verfügbarkeit, sodass die Preise für die verbliebenen Produkte steigen. Aus Angst, gar kein Produkt mehr erhalten zu können (die altbekannte FOMO, „fear of missing out“), wird umso ärger nach Möglichkeiten zum Kauf gesucht. Auch Händler und Reseller sind verstärkt auf der Suche nach diesen letzten Vorräten, sodass die Verfügbarkeit noch weiter abnimmt, während die Nachfrage – und damit auch der Preis – weiter steigt.
Nachdem sich die Lage nach Prismatische Entwicklungen mit dem daran anschließenden Set Reisegefährten (engl. Journey Together) vermeintlich etwas zu entspannen schien, hatte die Pokémon Company nur kurze Zeit danach bereits das nächste Ass im Ärmel. Mit Ewige Rivalen (engl. Destined Rivals) wurde mit Team Rocket der Ur-Bösewicht des Pokémon-Franchise in den Mittelpunkt gerückt und sprach damit ein weiteres Mal vor allem Kenner der ersten Pokémon-Tage an.
Giovanni und sein Team aus fiesen Gestalten sorgten erneut für eine Nachfrage, die das verfügbare Angebot deutlich überstieg. Vorbestellungen bei diversen Online-Händlern waren teilweise innerhalb weniger Minuten ausverkauft, die Preise auf dem Sekundärmarkt übertrumpften sich Aufschlag um Aufschlag. Der womöglich von langer Hand geplante Kurs der Pokémon Company, mit verschiedenen Publikumsmagneten wie Pikachu, Evoli und Team Rocket diverse kaufkräftige Zielgruppen anzusprechen, ging vollends auf – womöglich noch viel besser als es das Unternehmen selbst prognostiziert hat.
Mit 151 wurde die Sammlerbasis deutlich vergrößert. Das Pokémon-Sammelkartenspiel-Pocket hat weitere Millionen von Menschen für das Kartensammeln begeistert. Stürmische Funken lehrte die neuen Sammelnden, was die Jagd nach einer bestimmten Karte für Auswirkungen hat und mit Prismatische Entwicklungen trafen schließlich die riesige Aufmerksamkeit und ein unerwartet knappes Angebot aufeinander. Daraus entwickelte sich letztlich der Preis- und FOMO-Zyklus, den wir bis heute kennen.
Eine Frage, die sich schnell stellt: Warum ist das Angebot knapp? Kann die Pokémon Company nicht einfach mehr Karten produzieren? Oder will sie das Angebot sogar vielleicht künstlich verknappen, um eine hohe Aufmerksamkeit sicherzustellen? Die Antwort auf die letzte Frage lautet eindeutig: Nein. Das Unternehmen hat selbst bereits mehrere Male darauf hingewiesen, dass die eigenen Produktionsstätten schon seit langer Zeit an der maximalen Kapazitätsgrenze arbeiten.
Das zeigt sich auch in den veröffentlichten Produktionszahlen. In jüngster Zeit werden pro Jahr zwischen 10 und 12 Milliarden Pokémon-Karten produziert. Wie viel das eigentlich ist, zeigt folgender Vergleich: Von März 2022 bis März 2026 hat die Pokémon Company in nur vier Jahren rund 42 Milliarden Karten herstellen können. Das ist fast genauso viel wie in den 25 Jahren davor (43 Milliarden Karten von Oktober 1996 bis März 2022).
Erfahrungsgemäß kann niemand mit absoluter Sicherheit sagen, was in Zukunft passieren wird. Es ist jedoch ziemlich fest davon auszugehen, dass uns der Hype um unser allseits geliebtes Kartenspiel noch eine ganze Weile begleiten wird. In diesem Jahr feiert das Franchise bekanntlich seinen 30. Geburtstag. In wenigen Tagen erscheint mit 30 Jahre (engl. 30th Celebration) deshalb ein ganz besonderes Jubiläumsset, das in Sachen Nachfrage alles bisher Dagewesene wohl noch einmal in den Schatten stellt.
Was nach dem 30-Jährigen kommt, ist ziemlich schwierig abzuschätzen. Die aktuelle Mega-Entwicklung-Ära neigt sich dem Ende entgegen und soll künftig durch die noch unbekannte ex★-Serie abgelöst werden. Gleichzeitig ist für das kommende Jahr der Release von Pokémon Wind und Pokémon Welle und damit der zehnten Pokémon-Generation vorgesehen. Was diese Neuerungen für das Pokémon-Sammelkartenspiel bedeuten, ob mit einer Entspannung der Marktsituation oder vielleicht sogar mit einer Verschärfung zu rechnen ist, gleicht einem Blick in die Glaskugel.
Gleichzeitig merkt man an der einen oder anderen Stelle aber schon jetzt, dass die Pokémon Company einiges probiert, um der aktuellen Lage wieder Herr zu werden. Die aktuell erscheinenden Erweiterungen fallen, gemessen an der Anzahl neuer Karten, schon seit einiger Zeit kleiner aus als noch vor wenigen Jahren. Weniger verschiedene Karten bedeutet in der Theorie, dass mehr von denselben Karten produziert, also mehr gleichartige Produkte hergestellt werden können. Alternativ könnten die „frei“ werdenden Kapazitäten auch dazu genutzt werden, noch weiter in die Zukunft zu produzieren.
Darüber hinaus hat die Pokémon Company schon vor einiger Zeit in den USA ein riesiges Gewerbegebiet gekauft, auf dem eine weit über 100.000 Quadratmeter große Produktionshalle entstehen soll, um mit noch größeren Kapazitäten unter anderem Pokémon-Karten herstellen zu können. Die Fertigstellung der Anlage ist allerdings erst für Ende 2027 vorgesehen. Bis wir von den Auswirkungen dieses massiven Zukaufs etwas zu spüren bekommen, wird also noch einige Zeit ins Land ziehen.