Die einzigartige Geschichte der Pokémon Snap-Promokarten
Das Pokémon-Franchise blickt auf eine lange Geschichte voller kreativer Marketingideen zurück – doch kaum eine ist so außergewöhnlich wie die legendären Wettbewerbe rund um Pokémon Snap auf dem Nintendo 64 im Jahr 1999. In einer Zeit lange vor Social Media und digitaler Vernetzung setzte Nintendo auf innovative Wege, um Fans einzubinden – und schuf dabei einige der seltensten und wertvollsten Pokémon-Karten aller Zeiten. Dieser Artikel beleuchtet die einzigartige Entstehungsgeschichte der Pokémon Snap-Promokarten, erklärt den aufwendigen Teilnahmeprozess und zeigt, warum diese Sammlerstücke heute zu den begehrtesten Highlights im Pokémon TCG zählen.
Inhaltsverzeichnis
Das Pokémon-Franchise hat bekanntlich schon so einige Jahre auf dem Buckel. Es ist tatsächlich so alt, dass es schon zu einer Zeit erhältlich war, als das Internet noch bei weitem nicht so verbreitet war wie heute. Gewinnspiele über soziale Medien? Heute der Standard, aber damals völlig undenkbar. Um damals trotzdem werbewirksam und reichweitenstark arbeiten zu können, waren Kreativität und unkonventionelle Wege gefragt. Ein gutes Beispiel hierfür datiert aus dem Jahr 1999.
Zu jener Zeit erschien in Japan mit Pokémon Snap einer der ersten Ableger des Franchise für den Nintendo 64. Es gehört nicht nur zu den ersten Pokémon-Spielen für eine Konsole, sondern zeigt auch einige Taschenmonster das erste Mal in Echtzeit-3D. Um das Spiel weiter zu bewerben und die Verkaufszahlen anzukurbeln, wurden wenige Monate nach dem Release gleich zwei Foto-Wettbewerbe ins Leben gerufen, die das zu jener Zeit bereits erfolgreiche Pokémon-Sammelkartenspiel mit einbeziehen.
So wurden sowohl in der Juni-Ausgabe des „CoroCoro Comic“-Magazins (die am 15. Mai 1999 veröffentlicht wurde) als auch in der am 10. Juni 1999 ausgestrahlten Folge der von Nintendo gesponserten TV-Show „64 Mario Stadium“ die Fans dazu aufgerufen, ihre besten Fotos aus dem Spiel einzusenden. Aus allen Einsendungen sollten dann jeweils fünf Aufnahmen zu den Gewinnern gekürt und als reale Pokémon-Karte umgesetzt werden.
Der originale Aufruf zur Teilnahme am Wettbewerb aus dem CoroCoro Comic-Magazin.
Doch wie schickt man im Jahr 1999 eine Aufnahme ein, die nur in digitaler Form innerhalb eines Spiels für den Nintendo 64 existiert? Hierfür waren mehrere Schritte notwendig.
Zunächst musste natürlich Pokémon Snap gespielt und Fotos geknipst werden. Die Aufnahmen, die zur Teilnahme eingesendet werden sollten, sollten sodann in der Spiel-eigenen Galerie abgespeichert werden. Daraufhin mussten Fans das Spielmodul einpacken und sich auf den Weg zu einer Lawson-Filiale begeben. Dabei handelt es sich um einen Mini-Supermarkt (auch unter dem Begriff „Konbini“ geläufig), der in Japan auch heute noch sehr verbreitet ist. Dort standen zu jener Zeit spezielle Maschinen, die tatsächlich dafür gedacht waren, physische Sticker aus Aufnahmen zu erstellen, die von einem eingesteckten Pokémon Snap-Spielmodul ausgelesen wurden. Das Drucken kostete damals 300 Yen und dauerte bis zur Fertigstellung einige Tage.
Erklärung der Teilnahmebedingungen inklusive eines beispielhaften Sticker-Sheets.
Nach dem Erhalt der gedruckten Aufnahmen musste nun noch eine Postkarte mit den eigenen Daten wie Name, Adresse, Schulklasse und Telefonnummer versehen und eins der nun in Sticker-Form vorliegenden Fotos aufgeklebt werden. Die Postkarte musste schließlich an die im Magazin bzw. der TV Show genannten Adresse verschickt werden und die Teilnahme war erfüllt. Die Frist zur Einsendung für den vom Magazin veranstalteten Wettbewerb war mit dem 14. Juni 1999 durchaus knapp bemessen – gerade wenn man sich vor Augen führt, was dafür alles erforderlich war.
An diese Frist wurde auch in der ersten Ausgabe des offiziellen „Trainers Magazine“ erinnert, in dem für den Wettbewerb ebenfalls die Werbetrommel gerührt wurde. Auf einer eigenen Seite wurden unter anderem Tipps gegeben, wie innerhalb des Spiels ein gutes Foto gelingt und welche Motive sich besonders gut eignen. Innerhalb dieser ersten Ausgabe des Magazins fand sich auch eine physische Promokarte, die ein Pikachu aus Pokémon Snap abbildet und daher die erste Karte mit einer Aufnahme aus dem Spiel darstellt.
Einen Monat nach Ende der Frist zur Einreichung wurden in der August-Ausgabe des CoroCoro Comic die fünf Sieger genannt und die dazugehörigen gekürten Aufnahmen abgebildet. Als Promokarte wurden also umgesetzt: Bisasam von Yuuki Tanaka (aus der Präfektur Saitama), Karpador von Yuka Matsubara (Aichi), Garados von Ryouchi Abe (Miyagi), Pikachu von Mina Akuhara (Aichi) und Quapsel von Hiroyuki Sasaki (Saitama). Es wird vermutet, dass ungefähr zur selben Zeit auch die Gewinner des von 64 Mario Stadium veranstalteten Wettbewerbs verkündet wurden. Dabei handelt es sich um: Arktos von Yui Tanaka, Chaneira von Kaori Someya, Glumanda von Tsukasa Hosono, Smogon von Natsu Sato und Schiggy von Miyuki Ogino.
Damit war die Arbeit für die Gewinnerinnen und Gewinner aber noch nicht getan. Diese waren nun dazu aufgefordert, das eigene Spielmodul von Pokémon Snap, das die siegreiche Aufnahme enthält, postalisch an Nintendo zu übermitteln. Dort sollte das Modul für rund drei Wochen aufbewahrt werden. Als Kompensation für diesen Umstand erhielten die Einsendenden je ein eigens gewähltes Spiel für den Nintendo 64. Es dauerte dann allerdings noch einmal einige Monate, bis den prämierten Personen im November 1999 schließlich Briefe mit einem Glückwunschschreiben sowie den physischen Karten zugesandt wurden.
Die prämierten Karten auf einen Blick.
Die Gewinnenden des Magazin-Wettbewerbs erhielten je 20 Kopien der eigenen Karte zugeschickt – die des TV Show-Wettbewerbs allerdings nur 15. Bis heute ist nicht bekannt, warum hier unterschiedliche Anzahlen verschickt wurden. Fest steht allerdings, dass diese Karten offiziell nie in weiterer Auflage produziert wurden, was sie damals wie heute zu extrem seltenen Collectables macht. Die genaue Anzahl der tatsächlich existierenden Karten ist allerdings ungewiss, denn es ist inzwischen bekannt, dass Yuichi Konno, einer der vier frühzeitlichen Entwickler der Regeln des Pokémon TCGs, weitere Kopien aller Karten besaß bzw. ggf. noch besitzt.
Aufgrund des Alters der Karten und der extrem geringen Auflage gehören die Pokémon Snap-Promokarten heute zu den wohl begehrtesten und gleichzeitig auch teuersten Pokémon-Karten überhaupt. Hinzu kommt, dass die volle Kontrolle über die gesamte Population der Karten (zumindest ursprünglich) in den Händen der jeweiligen Gewinnerinnen und Gewinner lag. Über die Jahre hat zwar nichtsdestotrotz die eine oder andere Kopie ihren Weg auf den Markt gefunden. Manche Illustrationen befinden sich aber bis heute noch in den Händen der ursprünglichen Besitzenden, sodass diese lange Zeit als verschollen bzw. nicht erhältlich galten – wäre da nicht Yuichi Konno.
Die Bisasam-Karte ist direkt eine der Karten, die nicht von der Gewinnerin Yuuki Tanaka, sondern von Konno verkauft wurde. Eine in seinem Besitz befindliche Extra-Kopie wurde im September 2017 über die Auktions-Webseite von Yahoo! Japan für 1,5 Millionen Yen (rund 8.100 Euro nach heutigem Wechselkurs; zur damaligen Zeit war der Yen aber noch wesentlich stärker) verkauft. Konno hat in den Folgejahren aber noch einmal nachgelegt: Weitere Kopien gingen im Mai 2019 erneut für 1,5 Millionen Yen und im Juni 2020 für 2,1 Millionen Yen (11.300 Euro) über die virtuelle Ladentheke.
Die Snap-Illustration von Karpador legt auf die ohnehin schon sehr seltenen Karten noch einmal eine ordentliche Schippe „Seltenheit“ drauf. Bis Januar 2022 wurde nie eine Kopie der Karte öffentlich verkauft, sodass diese tatsächlich lange als verschollen galt. Dann hat allerdings eine Filiale von Book Off, Japans größte Kette für Second-Hand-Unterhaltungsmedien, einen Tweet abgesetzt, dass dort eine Kopie der Karte erhältlich wäre – was bedeutet, dass sich jemand mit der Karte dort hinbegeben und sie dort eingetauscht hat. Ursprünglich gelistet für 3,3 Millionen Yen (17.800 Euro), hat sich der Preis jeden Tag um drei Prozent gesenkt. Aber auch bei 2,3 Millionen Yen kam kein Verkauf zustande; ein Grund könnte sein, dass schlicht niemand von dem Angebot wusste – der ursprüngliche Tweet wies kaum Interaktionen auf. Schließlich entschieden sich die Verantwortlichen der Book Off-Filiale die Karte bei Yahoo! Japan zu auktionieren. Aus Sicht des Verkäufers ein guter Schachzug, denn dort wurde die Kopie schließlich für stolze 15 Millionen Yen (80.000 Euro) erworben.
Anders als die Vorentwicklung befinden sich von der Garados-Karte mehrere Kopien im Umlauf. Dabei ist nicht ganz klar, wie viele von den 20 Gewinner-Karten und wie viele Extra-Kopien verkauft wurden. Konno selbst hat zumindest zwei Karten selbst verkauft: Im August 2017 für 784.000 Yen (4.200 Euro) und nur wenige Monate später, im Februar 2018, schon für 1,8 Millionen Yen (9.600 Euro). Auf YouTube finden sich Videos von (Pokémon-)Influencern, die weitere Kopien der Karte aus anderen Quellen erhalten haben.
Auch das wohl bekannteste Taschenmonster ist mit einer eigenen Karte vertreten. Weil allein durch die Bekanntheit die Nachfrage bei theoretisch gleichbleibendem Angebot (auch hiervon gibt es nur 20 Kopien) am höchsten ist, ist die Karte die teuerste von allen Snap-Promos – zumindest in der Theorie, denn über eine sehr lange Zeit wurde nie eine Kopie öffentlich angeboten, geschweige denn verkauft. Erst im Jahr 2019 wurde das Pikachu erstmals auf der Auktions-Seite von Yahoo! Japan gesichtet. Weil der Wert der Karte mit fortschreitender Zeit aber immer weiter stieg, hat auch der Verkäufer seine Kopie mit höherem Preis immer wieder neu eingestellt, zwischenzeitlich für rund 37 Millionen Yen (197.000 Euro). Erst im Jahr 2023 war es dann schließlich soweit und die Karte wurde für diesen Preis tatsächlich verkauft, was es zu einer der teuersten Transaktionen für eine ungegradete Karte aller Zeiten macht. Der Käufer scheint im Übrigen dieselbe Person zu sein, die auch die extrem seltene Karpador-Karte erworben hat.
Als letzte der fünf Magazin-Gewinner-Karten ist Quapsel vergleichsweise häufig verkauft worden. So soll der Gewinner, Hiroyuki Sasaki, bereits 15 seiner 20 Karten mittels öffentlicher und privater Verkäufe veräußert haben. Auch wenn es damit immer noch nicht „leicht“ ist, an eine Kopie der Karte zu gelangen, so ist zumindest die Wahrscheinlichkeit höher, dass man dieser auf einer Verkaufs- oder Auktions-Plattform begegnen könnte.
Man könnte meinen, dass die Gewinner-Karten der TV-Show tendenziell höhere Preise erzielen könnten allein aufgrund der Tatsache, dass hiervon offiziell nur 15 statt 20 Kopien existieren. Bei Smogon ist das aber nicht unbedingt der Fall. So hat Yuichi Konno bereits zwei (Extra-)Kopien der Karte verkauft. Die erste wurde im Januar 2018 für 1,8 Millionen Yen (9.600 Euro) verkauft, die zweite im Juli 2019 für „nur noch“ 1,2 Millionen Yen (6.400 Euro).
Ein Paradebeispiel für den rasanten Preisanstieg, der sich während der Corona-Zeit und des im Rahmen dessen wieder entfachten Pokémon-Hypes gezeigt hat, ist die Karte mit dem beliebten Feuer-Starter der ersten Generation. So hat Konno im September 2017 eine seiner Kopien für 1,6 Millionen Yen (8.500 Euro), eine weitere im September 2018 für 1,3 Millionen Yen (6.900 Euro) und im Juli 2019 schließlich noch eine Kopie für 1,65 Millionen Yen (8.800 Euro). Dann gibt es aber noch eine weitere verkaufte Karte aus dem Jahr 2021. Der Preis? Stolze 8,2 Millionen Yen (43.700 Euro). Der Gewinner der Karte hat übrigens bestätigt, dass er nach dem Erhalt gleich zehn seiner 15 Kopien an Freunde verschenkt habe – eine noble Tat, über die er heute aber womöglich anders denken könnte.
Auch das dritte Starter-Pokémon der ersten Generation hat eine eigene Karte erhalten. Und auch hier sind erstaunte Blicke angebracht; allerdings aus einem anderen Grund. So hat Konno seine erste Kopie im September 2017 zusammen mit den anderen Startern online gelistet und diese auch für 1,5 Millionen Yen (8.000 Euro) verkauft. Ein weiterer Verkaufsversuch ist dann allerdings gescheitert. Für 1,7 Millionen Yen wollte zu jener Zeit niemand zuschlagen – selbst dann nicht, als Konno seine Karte durch PSA als „Authentic“ zertifizieren ließ. Einige Zeit später kam dann allerdings doch ein Verkauf zustande – und brachte Konno weitere 2,5 Millionen Yen (13.300 Euro) ein.
Zum Verbleib der 15 Kopien der Chaneira-Karte ist wie bei den meisten anderen Karten nicht viel bekannt, sodass wir uns ein weiteres Mal auf Konno verlassen müssen – und er hat auch hier geliefert. Die erste Extra-Kopie wurde im Januar 2018 für 1,8 Millionen Yen (9.600 Euro) verkauft, die zweite wanderte im September 2019 für 1,5 Millionen Yen (8.000 Euro) über die virtuelle Ladentheke.
Beim legendären Eis-Vogel lässt sich ein ähnliches Bild wie schon für Glumanda beobachten. Konno veräußerte zwei Kopien der Karte im März 2018 sowie im Mai 2019 für 1,8 bzw. 1,6 Millionen Yen. Einige Zeit später wurde dann aber im Juni 2021 eine Auktion auf Mandarake (ein japanischer Einzelhändler mit eigener Auktions-Webseite) gestartet, die dem Verkäufer am Ende 6,4 Millionen Yen (34.000 Euro) einbrachte.
Die Pokémon Snap-Wettbewerbe aus dem Jahr 1999 zeigen eindrucksvoll, wie kreativ Marketing schon lange vor dem digitalen Zeitalter sein konnte. Gleichzeitig markieren die daraus entstandenen Promokarten heute einen der faszinierendsten und exklusivsten Bereiche des Pokémon-Sammelkartenspiels – mit einer Mischung aus Nostalgie, Seltenheit und historischem Wert, die ihresgleichen sucht.